Wie lange stillen? – Dauer, Empfehlungen & individuelle Entscheidungen
Wichtigste Erkenntnisse
- 6 Monate ausschließliches Stillen und mindestens 12 Monate Gesamtstilldauer werden von Fachgesellschaften und WHO für gesunde, reifgeborene Babys empfohlen.
- Die neue deutsche S3-Leitlinie (2024/2025 bundesweiter Standard) orientiert sich erstmals vollständig an den internationalen WHO-Empfehlungen.
- Weiterstillen über das erste Lebensjahr hinaus ist gesundheitlich sinnvoll und weltweit normale Praxis – es gibt keine medizinische obere Altersgrenze.
- Empfehlungen sind keine Pflicht: Die tatsächliche Stilldauer bestimmen Mutter-Kind-Bedürfnisse, Alltag und individuelle Gesundheitssituationen.
- Langzeitstillen unterstützt Bindung, Immunsystem und mütterliche Gesundheit – wissenschaftliche Belege für angebliche Nachteile wie “Verwöhnen” oder “Unselbstständigkeit” fehlen.
Einführung: Warum die Frage „Wie lange stillen?” so polarisiert
Kaum ein Thema rund um die Ernährung von Säuglingen löst in Deutschland so hitzige Diskussionen aus wie die Frage nach der optimalen Stilldauer. Von “Das Kind ist doch schon viel zu alt dafür” bis hin zu “Du stillst noch nicht lange genug” – stillende Mütter erleben häufig Verunsicherung statt Unterstützung. Die Oma meint, nach sechs Monaten sei Schluss, die beste Freundin stillt noch mit drei Jahren, und auf Social Media wird jede Position mit Nachdruck vertreten.
Diese Verwirrung ist historisch gewachsen. Lange gab es in Deutschland widersprüchliche Empfehlungen verschiedener Fachgesellschaften zur Frage, wie lange Stillen sinnvoll ist. Die Nationale Stillkommission empfahl ursprünglich exklusives Stillen bis zum Beginn des fünften Lebensmonats, während eine separate Allergiepräventions-Leitlinie von 2014 lediglich vier Monate ausschließliche Stillzeit vorsah. Kein Wunder also, dass viele Frauen nicht wussten, woran sie sich orientieren sollten.
Mit der neuen evidenzbasierten S3-Leitlinie liegt in Deutschland erstmals ein einheitlicher fachlicher Stand zur Stilldauer vor. In diesem Artikel erfahren Sie konkret, wie lange Stillen aus medizinischer Sicht empfohlen wird, was WHO und deutsche Experten sagen, was unter Langzeitstillen verstanden wird – und vor allem, wie Sie eine für Ihre Familie passende Entscheidung treffen können. Denn eines vorweg: Es geht nicht darum, Druck aufzubauen, sondern Orientierung zu bieten.
Aktuelle Empfehlung: Wie lange stillen laut deutscher S3-Leitlinie?
Die interdisziplinäre S3-Leitlinie zur Allergieprävention und Säuglingsernährung (AWMF) formuliert klare Empfehlungen für gesunde, reifgeborene Babys in Deutschland:
| Zeitraum | Empfehlung |
|---|---|
| Erste 6 Lebensmonate | Möglichst ausschließlich stillen |
| Ab dem 7. Lebensmonat | Beikost einführen, parallel weiterstillen |
| Gesamtstilldauer | Mindestens 12 Monate |
Was bedeutet “ausschließliches Stillen”? Das Baby erhält in dieser Zeit Muttermilch als einzige Nahrung – keine Beikost, kein Wasser, kein Tee, keine Säfte. Ausnahmen bilden medizinisch notwendige Supplemente wie Vitamin-D-Tropfen, die standardmäßig empfohlen werden.
Die neue Leitlinie stellt eine bedeutende Abkehr vom früheren “deutschen Sonderweg” dar. Während frühere nationale Vorgaben teilweise von den internationalen Standards abwichen, lehnt sich die aktuelle Empfehlung eng an die WHO-Richtlinien an. Dies schafft endlich Klarheit für stillende Mütter, Hebammen und medizinisches Fachpersonal.
Praktisches Beispiel eines typischen Stillverlaufs:
- Monat 0-6: Ausschließlich Muttermilch, auf Verlangen stillen (meist 8-12 mal täglich in den ersten Wochen, später weniger)
- Monat 7-12: Einführung von Brei und später Familienkost, Stillen nach Bedarf als Ergänzung (oft morgens, abends, nachts)
- Ab Monat 13: Fortgesetztes Stillen so lange Mutter und Kind es wünschen
Wichtig zu wissen: Diese Empfehlung bezieht sich auf gesunde, termingeborene Kinder. Bei Frühgeborenen oder bestimmten Erkrankungen sind individuelle Einschätzungen von Fachärztinnen und Hebammen entscheidend.
Warum 6 Monate ausschließliches Stillen? – Zentrale gesundheitliche Gründe
Die Empfehlung von sechs Monaten ausschließlicher Stillzeit basiert nicht auf Vermutungen, sondern auf systematischer Auswertung internationaler Studien. Die Quellen zeigen deutliche gesundheitliche Vorteile für das Kind.
Nachgewiesene Schutzwirkungen für das Baby
Die Evidenz für folgende Effekte ist gut belegt:
- Magen-Darm-Infektionen: Deutlich geringeres Risiko für Durchfallerkrankungen durch Antikörper und andere Schutzfaktoren in der Muttermilch
- Mittelohrentzündungen: Reduzierte Häufigkeit akuter Otitis media, besonders bei längerem Stillen
- Atemwegsinfektionen: Weniger Bronchitis und Lungenentzündungen im Säuglingsalter
- Asthma im Kindesalter: Hinweise auf verringertes Risiko, wobei die Studienlage hier gemischt ist
- Chronisch-entzündliche Darmerkrankungen: Einige Studien deuten auf Schutzeffekte hin
Bei Themen wie Übergewicht und Adipositas ist die Studienlage weniger eindeutig. Stillen allein schützt nicht sicher vor späterem Übergewicht, ist aber ein wichtiger Baustein eines gesunden Gesamtlebensstils. Die Entwicklung von Übergewicht hängt von vielen Faktoren ab – genetische Veranlagung, Bewegung, Ernährung im späteren Alter.
Die einzigartige Anpassungsfähigkeit der Muttermilch
Milch von stillenden Müttern ist kein statisches Produkt, sondern ein dynamisches Lebensmittel. Die Zusammensetzung passt sich kontinuierlich an:
- Bei heißem Wetter wird die Milch wässriger und stillt den Durst
- Bei Krankheit des Babys erhöht sich der Antikörpergehalt
- Die Nährstoffkonzentration ändert sich mit dem Alter des Kindes
In den ersten sechs Lebensmonaten kann Muttermilch den kompletten Nährstoff- und Flüssigkeitsbedarf eines gesunden Säuglings decken. Zusätzliche Nahrung oder Getränke sind in dieser Zeit unter normalen Umständen nicht erforderlich.
Längeres ausschließliches Stillen zeigt in Industrienationen in der Regel keine Nachteile für normal entwickelte Kinder. Voraussetzung ist jedoch, dass die Beikost eingeführt wird, sobald das Kind die entsprechenden Reifezeichen zeigt – typischerweise um den Beginn des siebten Lebensmonats.
Stillen hält auch Mütter gesund
Die Diskussion um die Stilldauer fokussiert oft auf das Kind. Dabei profitiert auch die mütterliche Gesundheit erheblich von längerem Stillen – ein Aspekt, der in der Beratung häufig zu kurz kommt.
Konkrete gesundheitliche Vorteile für Frauen
Die Daten aus den verfügbaren Quellen zeigen beeindruckende Zahlen:
| Gesundheitlicher Nutzen | Risikoreduktion |
|---|---|
| Brustkrebs | Bis zu 25% bei längerer Stilldauer, bis zu 40% bei Stillen über 24 Monate |
| Gebärmutterschleimhautkrebs | Signifikante Reduktion |
| Eierstockkrebs | Verringerte Wahrscheinlichkeit |
| Diabetes Typ 2 | Positive Effekte auf das Risiko |
| Herz-Kreislauf-Erkrankungen | Schutzwirkung bei längerer Gesamtstilldauer |
Diese Werte beziehen sich auf kumulative Stilldauer – das heißt, auch Mütter mehrerer Kinder, die jeweils “nur” ein Jahr stillen, erreichen diese schützenden Effekte.
Unmittelbar nach der Geburt unterstützt Stillen den Rückbildungsvorgang. Die beim Stillen ausgeschütteten Hormone fördern die Gebärmutterrückbildung und können die Dauer von Nachblutungen verkürzen.
Ökologische und wirtschaftliche Aspekte
Neben den gesundheitlichen Vorteilen hat Stillen auch praktische Vorzüge:
- Keine Produktions- und Transportketten wie bei Pulvermilch
- Kein Verpackungsabfall durch Dosen und Messlöffel
- Deutlich kostengünstiger für Familien
- Immer richtig temperiert und hygienisch verfügbar
Ein wichtiger Hinweis: Diese Informationen sollen motivieren, nicht unter Druck setzen. Auch Frauen, die nicht oder nur kurz stillen können, haben viele Möglichkeiten, für ihre Gesundheit zu sorgen. Regelmäßige Vorsorge, Bewegung und ausgewogene Ernährung sind ebenso wichtige Bausteine.
Was empfiehlt die WHO zur Stilldauer?
Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) vertritt seit Jahren eine klare und einheitliche Position zur Frage, wie lange stillen sinnvoll ist:
Die WHO-Kernempfehlung lautet:
Sechs Monate ausschließliches Stillen weltweit, danach Einführung von Beikost und Weiterstillen bis zum Alter von zwei Jahren oder länger – solange Mutter und Kind es wünschen.
Diese Empfehlung gilt nicht nur für Entwicklungsländer, wie manchmal fälschlich angenommen wird. Die WHO betrachtet sie als Goldstandard auch für Industrienationen wie Deutschland. Die Begründung: Unabhängig vom Wohlstandsniveau bietet Stillen gesundheitliche Vorteile, die sich nicht vollständig durch andere Ernährungsformen ersetzen lassen.
Deutschland folgt nun dem internationalen Konsens
Mit der neuen S3-Leitlinie hat sich Deutschland von seinen früher abweichenden nationalen Vorgaben verabschiedet und folgt wieder dem internationalen Konsens. Das ist ein wichtiger Schritt für die Stillförderung in Deutschland und schafft Klarheit für Menschen, die nach verlässlichen Informationen suchen.
Die WHO-Empfehlungen sind nicht rechtsverbindlich, aber wissenschaftlich breit abgestützt. In vielen Ländern bilden sie die Grundlage für nationale Stillstrategien und entsprechende Gesundheitsprogramme.
Was bedeutet “bis zu zwei Jahre oder länger”? Diese Formulierung macht deutlich, dass es aus Sicht der WHO keinen medizinischen Grund für eine obere Altersgrenze beim Stillen gibt. Es handelt sich um eine Mindestempfehlung, nicht um eine Höchstgrenze. Gleichzeitig bedeutet es nicht, dass jede Mutter so lange stillen muss. Die Entscheidung bleibt bei Mutter und Kind.
Interessant im Vergleich: In angelsächsischen Ländern wie Großbritannien, den USA und Australien sind die tatsächlichen Stillzeiten tendenziell noch kürzer als in Deutschland. Die Diskrepanz zwischen offizieller Gesundheitsleitlinie und tatsächlicher Praxis ist ein systemisches Phänomen in der gesamten westlichen Welt.
Langzeitstillen: Was bedeutet das eigentlich und bis wann ist Stillen sinnvoll?
Der Begriff Langzeitstillen hat keine einheitliche Definition und variiert erheblich je nach kulturellem Kontext. Was in Deutschland bereits als “lang” gilt, ist historisch und weltweit betrachtet oft völlig normal.
Ab wann spricht man von Langzeitstillen?
Eine Umfrage unter deutschen Müttern ergab, dass Langzeitstillen durchschnittlich ab etwa 15 Monaten Stilldauer beginnt (Median: 12 Monate). Einige Definitionen setzen die Grenze erst beim zweiten Geburtstag an.
Die amerikanische Anthropologin Katherine A. Dettwyler vertritt auf Basis ihrer Forschung eine andere Einschätzung: Sie definiert Langzeitstillen erst ab dem dritten Geburtstag und argumentiert, dass eine Stilldauer zwischen 2,5 und 7 Jahren die physiologische, artspezifische Norm für Menschen darstellt. Dabei stützt sie sich auf Vergleiche mit anderen Primaten sowie auf biologische Marker wie den Zahnwechsel.
Historische Perspektive
Analysen der Zahnstruktur aus dem frühmittelalterlichen Bayern zeigen, dass Kinder durchschnittlich etwa drei Jahre lang gestillt wurden. Diese historischen Daten verdeutlichen, wie sehr sich kulturelle Normen im modernen westlichen Kontext verschoben haben.
Vorteile des Stillens über das erste Lebensjahr hinaus
Längeres Stillen bietet weiterhin konkrete Vorteile:
- Nährstoffversorgung: Muttermilch bleibt auch im zweiten Lebensjahr energie- und nährstoffreich
- Immunschutz: Der Antikörpergehalt kann im zweiten Lebensjahr sogar ansteigen und weiterhin Infektionen abpuffern
- Bindung und Trost: Stillen bleibt ein wichtiges Beruhigungsritual, etwa beim Einschlafen oder bei Krankheit
- Mütterliche Gesundheit: Die krebsprotektiven Effekte steigen mit der Gesamtstilldauer
Praxisbeispiel: Ein 18 Monate altes Kind, das nur noch morgens und abends gestillt wird – oder ausschließlich zum Einschlafen. Diese Form des Stillens ist weit verbreitet und erfüllt sowohl emotionale als auch immunologische Funktionen.
Kulturelle Vorurteile ohne wissenschaftliche Grundlage
Vorwürfe wie “Du verwöhnst das Kind” oder Sorgen um angebliche Unselbstständigkeit sind weit verbreitet, aber wissenschaftlich nicht fundiert. Es gibt keine Belege dafür, dass Langzeitstillen negative Auswirkungen auf die psychische Entwicklung oder Selbstständigkeit des Kindes hat.
Die Antwort auf die Frage “Bis wann ist Stillen sinnvoll?”: Es gibt keine medizinische obere Altersgrenze. Gestillt werden kann, solange Mutter und Kind es möchten – ob 18 Monate, zwei Jahre, vier Jahre oder länger. Die Daten zeigen: 16 Prozent der deutschen Kinder werden länger als 12 Monate gestillt, 2,3 Prozent noch mit 24 Monaten.
Kein Muss, sondern Empfehlung: Wie finde ich die passende Stilldauer für uns?
Leitlinien und WHO-Aussagen sind Empfehlungen, keine Verpflichtungen. Jede Stillbeziehung verläuft individuell, und das ist völlig in Ordnung.
Die Realität in Deutschland
Die Zahlen zeigen eine deutliche Diskrepanz zwischen Absicht und Praxis:
- Etwa 90% der Frauen möchten vor der Geburt stillen
- 82% planen, mindestens vier Monate zu stillen
- Die durchschnittliche Dauer des ausschließlichen Stillens liegt bei nur 16,7 Wochen (etwa 4 Monate)
- Die Gesamtstilldauer beträgt durchschnittlich etwa acht Monate
Diese Lücke zwischen Wunsch und Wirklichkeit deutet auf erhebliche Barrieren hin, die Mütter am Erreichen ihrer Stillziele hindern.
Typische Gründe für früheres Abstillen
Frauen nennen verschiedene Faktoren:
- Körperliche Beschwerden: Schmerzen, wunde Brustwarzen, Brustentzündungen
- Wahrgenommener Milchmangel: Das Gefühl, nicht genug Milch zu haben (oft unbegründet, aber belastend)
- Gesellschaftlicher Druck: Kritische Kommentare aus dem Umfeld
- Beruflicher Wiedereinstieg: Fehlende Stillräume, unflexible Arbeitgeber
- Mangelnde Unterstützung: Widersprüchliche Beratung, fehlendes Stillwissen bei Fachpersonal
Schuldgefühle sind keine Lösung
Vergleiche mit anderen Müttern und Selbstvorwürfe helfen niemandem. Wichtiger als eine bestimmte Stilldauer zu erreichen ist, dass Mutter und Kind mit der gewählten Lösung – ob Stillen, Teilstillen oder Flaschenfütterung – gut leben können.
Entscheidungshilfen für Ihre persönliche Situation
Folgende Fragen können bei der Orientierung helfen:
| Aspekt | Fragen zur Selbstreflexion |
|---|---|
| Körperliche Belastung | Wie fühle ich mich beim Stillen? Gibt es Schmerzen oder Erschöpfung? |
| Kindliche Signale | Wie häufig und intensiv verlangt mein Kind nach der Brust? |
| Beruf und Familie | Welche Rahmenbedingungen habe ich? Was ist realistisch umsetzbar? |
| Unterstützung | Wer kann mir bei Stillproblemen helfen? Habe ich Zugang zu Beratung? |
| Eigenes Wohlbefinden | Stillt sich das Stillen für mich richtig an, oder empfinde ich es als Belastung? |
Die Botschaft ist klar: Empfehlungen geben Orientierung, aber Sie entscheiden. Sechs Monate ausschließliches Stillen sind ein gutes Ziel – aber kein Grund für Selbstvorwürfe, wenn es anders kommt.
Wie lange stillen in besonderen Situationen? (Beruf, Krankheit, Zwillinge)
Pauschale Empfehlungen stoßen an Grenzen, wenn besondere Lebenslagen vorliegen. Hier sind flexible, pragmatische Lösungen gefragt.
Beruflicher Wiedereinstieg
Viele Mütter kehren während der Stillzeit in den Beruf zurück. Das muss kein Grund zum Abstillen sein:
Praktische Optionen:
- Teilstillen: Morgens vor der Arbeit und abends nach Feierabend stillen, tagsüber Ersatznahrung oder abgepumpte Milch
- Abpumpen am Arbeitsplatz: Mit einer guten elektrischen Pumpe in 15-20 Minuten möglich
- Rechtlicher Rahmen: Im ersten Lebensjahr des Kindes haben stillende Mütter Anspruch auf Stillpausen während der Arbeitszeit
Beispielszenario: Eine Mutter, die ab dem siebten Monat wieder 50% arbeitet, stillt morgens um 6:30 Uhr, dann wieder nach Feierabend um 15:00 Uhr und abends zum Einschlafen. Tagsüber erhält das Kind Beikost und bei Bedarf abgepumpte Muttermilch.
Medikamenteneinnahme und Erkrankungen
Viele Mütter befürchten, bei Krankheit oder Medikamenteneinnahme abstillen zu müssen. Die gute Nachricht: Die meisten Medikamente sind stillverträglich.
Wichtige Hinweise:
- Aktuelle Datenbanken wie Embryotox bieten verlässliche Informationen zur Verwendung von Medikamenten in der Stillzeit
- Stillberaterinnen (IBCLC) können bei Unsicherheiten beraten
- Operationen oder bildgebende Untersuchungen erfordern nur selten dauerhaftes Abstillen
- Bei bestimmten Erkrankungen (z.B. HIV, einige Chemotherapien) gelten spezielle Fachregeln – hier ist ärztliche Spezialberatung unerlässlich
Zwillinge und Mehrlinge
Auch bei Zwillingen ist längeres Stillen möglich und sinnvoll – es erfordert allerdings mehr Organisation und Unterstützung:
- Die Muttermilchproduktion passt sich der Nachfrage an – auch bei zwei Kindern
- Tandemstillen (beide Kinder gleichzeitig) spart Zeit
- Praktische Hilfe im Haushalt ist in den ersten Monaten besonders wertvoll
- Stillkissen für Zwillinge erleichtern die Positionierung
Frühgeborene Kinder
Bei Frühgeborenen verläuft der Stillaufbau besonders individuell:
- Zunächst erfolgt oft die Versorgung über Sonde oder abgepumpte Nahrung
- Der Übergang zum direkten Stillen braucht Zeit und Geduld
- Spezialisierte Still- und Laktationsberaterinnen (IBCLC) mit Erfahrung im Frühchenbereich sind hier besonders wertvoll
- Die Stilldauer richtet sich nach der Entwicklung des Kindes, nicht nach starren Vorgaben
FAQ – Häufige Fragen zur Stilldauer
Bis wann ist Stillen normal – ist Stillen mit 2 oder 3 Jahren noch okay?
Aus medizinischer Sicht ist Stillen bis ins Kleinkindalter – also mit zwei, drei Jahren und darüber hinaus – absolut normal und unbedenklich. Die WHO empfiehlt explizit das Stillen bis zu zwei Jahren oder länger. Anthropologische Daten deuten sogar darauf hin, dass ein natürliches Abstillalter beim Menschen irgendwo zwischen 2,5 und 7 Jahren liegt.
Viele Kinder stillen sich zwischen zwei und vier Jahren von selbst ab, wenn sie bereit sind. Das Umfeld tut sich oft schwerer damit als Mutter und Kind selbst. Wenn kritische Fragen kommen, kann ein einfacher Verweis auf die WHO-Empfehlung helfen. Wichtiger aber: Sie müssen sich nicht rechtfertigen.
Schadet langes Stillen den Zähnen meines Kindes?
Muttermilch selbst ist nicht kariesauslösend. Entscheidend für die Zahngesundheit sind der Gesamtzuckerkonsum (Saft, süße Snacks, gesüßte Getränke) und die Zahnpflege. Spätestens mit Durchbruch der ersten Zähne sollten Sie regelmäßig putzen – am besten zweimal täglich mit einer altersentsprechenden Fluorid-Zahnpasta.
Süße Getränke aus Flaschen sind wesentlich problematischer als Stillen. Nächtliches Stillen in Kombination mit mangelnder Zahnpflege kann das Kariesrisiko erhöhen – aber die Lösung ist gute Mundhygiene, nicht zwingend ein Abstillen. Ein Link zwischen Langzeitstillen und vermehrter Karies ist wissenschaftlich nicht eindeutig belegt.
Wird mein Kind durch langes Stillen „zu anhänglich” oder „unselbstständig”?
Diese Sorge ist weit verbreitet, aber wissenschaftlich unbegründet. Studien zeigen eher das Gegenteil: Feinfühlige Nähe – einschließlich Stillen – stärkt die emotionale Sicherheit und fördert langfristig Autonomie. Bindung und Selbstständigkeit schließen sich nicht aus; sichere Bindung ist sogar die Basis für Explorationsfreude und Selbstvertrauen.
Charakter und Umfeld des Kindes spielen mindestens ebenso große Rollen wie die Stilldauer. Ein Kind, das mit drei Jahren noch gestillt wird, kann genauso selbstbewusst und unabhängig sein wie eines, das mit zwölf Monaten abgestillt wurde.
Kann ich nach 6 Monaten einfach „weiterstillen”, auch wenn alle um mich herum abstillen?
Selbstverständlich. Medizinisch ist es völlig in Ordnung und sogar empfohlen, nach Einführung der Beikost weiter zu stillen – so lange es sich für Mutter und Kind gut anfühlt. Die S3-Leitlinie empfiehlt eine Gesamtstilldauer von mindestens zwölf Monaten, die WHO sogar zwei Jahre oder länger.
Wenn kritische Kommentare kommen, können Sie sachlich auf die offiziellen Empfehlungen verweisen. Oder Sie setzen persönliche Grenzen: “Das ist unsere Entscheidung.” Suchen Sie sich Verbündete – Stillgruppen, Ihre Hebamme oder Online-Communities, wo Sie Unterstützung finden, wenn das direkte Umfeld wenig Verständnis zeigt.
Ich konnte nur kurz stillen – hat mein Kind jetzt Nachteile fürs Leben?
Diese Frage bewegt viele Mütter, und die Antwort soll beruhigen: Die Gesundheit von Kindern hängt von vielen Faktoren ab – Genetik, Umwelt, Gesamternährung, Bewegung, liebevolle Zuwendung und vieles mehr. Die Stilldauer ist nur einer von vielen Bausteinen.
Auch mit Flaschenfütterung sind sichere Bindung, gesunde Ernährung und gute Entwicklung möglich. Unzählige Kinder, die nicht oder nur kurz gestillt wurden, wachsen kerngesund auf. Es ist nie zu spät, gesunde Gewohnheiten aufzubauen. Stillen ist ein wertvoller Baustein, aber nicht der allein entscheidende Faktor für ein gesundes Leben.
Die Frage “Wie lange stillen?” hat keine universelle Antwort, aber viele gute Orientierungspunkte. Die Empfehlung lautet: Sechs Monate ausschließlich, dann Beikost und Weiterstillen mindestens bis zum ersten Geburtstag – gerne auch länger. Aber jede Stillreise ist individuell. Vertrauen Sie auf die Signale Ihres Kindes und auf Ihr eigenes Gefühl. Wenn Sie Unterstützung brauchen, wenden Sie sich an ausgebildete Stillberaterinnen, Ihre Hebamme oder eine der vielen Stillgruppen in Deutschland. Sie und Ihr Kind verdienen Begleitung statt Bewertung.